Autor: Bernd Trautwein
Das Urteil der anderen: Wann es Ihnen hilft – und wann es Sie abhängig macht
Zusammenfassung: Anerkennung tut gut und ist ein Grundbedürfnis, Feedback wirkt aber nicht automatisch positiv. Kritisch wird die Orientierung am Urteil anderer, wenn es zum alleinigen Maßstab für den eigenen Wert wird. Hilfreich ist eine einfache Unterscheidung, mit der ich seit 2018 arbeite: Handle ich, um etwas zu bekommen, oder weil es für mich stimmig ist?
Anerkennung tut gut, aber nicht automatisch
Lob und Anerkennung tun gut, im Beruf ebenso wie in der Familie. Sie signalisieren, dass Ihr Einsatz gesehen wird und dass Sie dazugehören.
Im Arbeitsleben ist Anerkennung zusätzlich mit einem Gefühl von Sicherheit verbunden: Sie leisten einen wertvollen Beitrag, werden gebraucht und haben eine Perspektive. Wie relevant das Thema ist, zeigt die BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung: Nur rund 40 Prozent der abhängig Beschäftigten erhalten häufig Lob und Anerkennung durch ihre Führungskraft, häufige Unterstützung erleben etwa 62 Prozent. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin bewertet beides als wichtige Ressourcen für Wohlbefinden und Gesundheit (BAuA, 2024). Wo Leistung laufend bewertet wird, in Beratungs- und Prüfungshäusern ist das der Alltag, gilt das umso mehr.
Positives Feedback kann Energie freisetzen, Orientierung geben und Entwicklung unterstützen. Es wirkt aber nicht automatisch positiv. Die vielzitierte Metaanalyse von Kluger und DeNisi (607 Effekte aus 23.663 Beobachtungen) fand im Durchschnitt zwar eine leistungsförderliche Wirkung, doch mehr als ein Drittel der untersuchten Feedbackinterventionen verschlechterte die Leistung. Entscheidend ist, wie konkret, respektvoll und handlungsbezogen Feedback ist und ob es sich auf Aufgabe und Entwicklung oder pauschal auf die Person richtet (Kluger & DeNisi, 1996).
Abwertendes Feedback, Kommentare und Lästereien können das Gegenteil bewirken. Wer sich zeigt, Verantwortung übernimmt oder zusätzliche Aufgaben annimmt, macht sich auch verletzlich: für die beiläufige Kritik am Freitagabend, die das Wochenende überschattet, für die pauschale Begründung einer abgelehnten Beförderung oder für das Gefühl, trotz großen Einsatzes nicht gesehen worden zu sein.
Gibt es also nur die beiden Betriebsarten Freude und Frust? Und wann bleibt Frust ein schmerzhafter Moment, und wann wird er zu länger anhaltendem Leiden?
Seit 2018 arbeite ich bewusst mit einer Unterscheidung, die mir dabei geholfen hat. Sie ist keine wissenschaftliche Typologie, sondern ein persönliches Reflexionsmodell. Ich frage mich: Handle ich vor allem, um ein bestimmtes Urteil oder Ergebnis zu bekommen? Oder handle ich aus Interesse, Überzeugung und Freude an der Tätigkeit und kann zugleich damit umgehen, dass das Ergebnis anders ausfällt als erhofft?
Anlass war eine Erkenntnis: Ich hatte gemerkt, wie stark ich mich oft vom Urteil anderer abhängig mache und ihnen damit sehr viel Macht gebe. Ich wollte Feedback aufnehmen und trotzdem bei mir bleiben können. Eine regelmäßige Meditationspraxis hat mir geholfen, den Fokus immer besser vom Außen nach innen zu richten.
Zwei Haltungen
1. „Ich tue etwas, um etwas zu bekommen.“
Ein äußeres Ergebnis steht stark im Vordergrund: Anerkennung, Beförderung, Status, Zustimmung oder Geld. Diese Ziele sind nicht grundsätzlich problematisch, im Berufsleben sind sie oft legitim und notwendig. Je stärker Ihr Wohlbefinden aber ausschließlich an das Ergebnis gebunden ist, desto größer ist das Risiko, dass sein Ausbleiben als persönliche Entwertung erlebt wird.
2. „Ich tue etwas, weil es für mich sinnvoll, interessant oder stimmig ist.“
IHier liegt der Schwerpunkt auf der Tätigkeit, dem eigenen Anspruch und den persönlichen Werten. Die Selbstbestimmungstheorie unterscheidet kontrollierte Motivation, etwa durch Druck, Belohnung oder Anerkennung, von autonomer Motivation, bei der Verhalten als selbstgewählt oder persönlich bedeutsam erlebt wird. Forschung im Arbeitskontext verbindet autonomere Motivation häufiger mit Engagement, Wohlbefinden, Ausdauer und Leistungsqualität (Deci, Olafsen & Ryan, 2017; Howard et al., 2021).
Das bedeutet nicht, dass äußere Ziele bedeutungslos sind oder Ergebnisse gleichgültig sein sollten.
Es bedeutet, dass das Ergebnis nicht allein darüber entscheidet, ob Ihre Anstrengung wertvoll war. Sie können eine Beförderung ernsthaft anstreben, sich sorgfältig vorbereiten und enttäuscht sein, wenn sie ausbleibt, ohne daraus zu schließen, als Person gescheitert zu sein.
Schmerz lässt sich nicht immer vermeiden – der Umgang damit ist gestaltbar
Wenn ein wichtiges Ziel nicht erreicht wird, kann das schmerzen. Das ist häufig eine angemessene Reaktion auf Enttäuschung oder Verlust. Ob daraus länger anhaltendes Leiden wird, hängt auch davon ab, wie starr Sie an Bewertungen, Erwartungen und Selbstbildern festhalten. Die Forschung spricht von psychologischer Flexibilität: unangenehme Gedanken und Gefühle wahrzunehmen, ohne das eigene Verhalten vollständig von ihnen bestimmen zu lassen, und sich weiter an persönlich bedeutsamen Werten auszurichten. Übersichtsarbeiten zu akzeptanz- und achtsamkeitsbasierten Ansätzen zeigen, dass sich diese Flexibilität trainieren lässt und mit geringerem Stress und besserem Wohlbefinden zusammenhängen kann (Gloster et al., 2020).
Die Orientierung am Außen ist also nicht grundsätzlich falsch. Sie brauchen Rückmeldungen, um blinde Flecken zu erkennen, Erwartungen zu verstehen und sich weiterzuentwickeln. Problematisch wird sie dort, wo das Außen zum alleinigen Maßstab für Ihren Wert, Ihre Kompetenz oder die Berechtigung Ihrer Bedürfnisse wird.
Fragen zur Selbstreflexion
- Erkennen Sie in Ihrem Handeln wiederkehrende Automatismen?
- Welche konkrete Anerkennung oder welches Ergebnis erwarten Sie – und haben Sie diese Erwartung ausgesprochen?
- Was würde das Ausbleiben dieses Ergebnisses in Ihrer inneren Erzählung über sich bedeuten?
- Handeln Sie gerade aus Interesse und Überzeugung oder vor allem aus Angst, Druck oder dem Wunsch nach Zustimmung?
- Welche Rückmeldung von außen enthält hilfreiche Information – und welcher Teil ist pauschal, verletzend oder nicht belastbar?
- Welche körperlichen Reaktionen nehmen Sie wahr, wenn Anerkennung ausbleibt oder Kritik geäußert wird?
- Was bleibt an Ihrer Leistung und Erfahrung wertvoll, selbst wenn das gewünschte Ergebnis nicht eintritt?
Die Unterscheidung hat Enttäuschungen nicht verschwinden lassen. Sie hilft mir aber, zwischen einer notwendigen Orientierung am Außen und einer unnötigen Abhängigkeit vom Urteil anderer zu unterscheiden. Dadurch ist in mir mehr Ruhe entstanden.
So einfach, wie es klingt, ist diese Haltung nicht. Besonders schwer fällt sie unter Stress oder wenn Beziehungen, berufliche Sicherheit oder die eigene Identität betroffen sind. Gerade dann hilft ein Gespräch mit einem erfahrenen Gegenüber: nicht, um berechtigte Enttäuschung wegzuerklären, sondern um Information, Projektion, eigene Muster und tatsächliche Rahmenbedingungen auseinanderzuhalten.
Wenn Sie das mit einem Gegenüber klären möchten, das Ihre Welt von innen kennt: Personal Case Coaching
Literatur und Datenquellen
BAuA – Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (2024): Unterstützung und Anerkennung durch die Führungskraft. baua: Fakten, BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2018.
Deci, E. L., Olafsen, A. H. & Ryan, R. M. (2017): Self-Determination Theory in Work Organizations: The State of a Science. Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, 4, 19–43.
Gloster, A. T. et al. (2020): The Empirical Status of Acceptance and Commitment Therapy: A Review of Meta-Analyses. Journal of Contextual Behavioral Science, 18, 181–192.
Kluger, A. N. & DeNisi, A. (1996): The Effects of Feedback Interventions on Performance: A Historical Review, a Meta-Analysis, and a Preliminary Feedback Intervention Theory. Psychological Bulletin, 119(2), 254–284.
Ryan, R. M. & Deci, E. L. (2000): Self-Determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development, and Well-Being. American Psychologist, 55(1), 68–78.
Coach
Sollten Sie Unterstützung bei Ihrer persönlichen Entwicklung benötigen, dann biete ich Ihnen im ersten Schritt ein unverbindliches 30-minütiges Gespräch im Videocall an.