Autor: Bernd Trautwein

Braucht es noch Leader? | Leadership-Reihe, Teil 2

Braucht es noch Leader? Führung im Wandel

Zusammenfassung: Ob es Leader braucht, hängt nach meiner Erfahrung davon ab, wie viel gerade neu entsteht. Wenn Neues entsteht, probieren Menschen sich aus und brauchen jemanden, der Orientierung gibt. Sind die Dinge bekannt, übernehmen Regeln, und ein guter Vorgesetzter genügt. Heute beginnt wieder eine Zeit des Neuen: durch KI und durch Organisationen, die Leitungsstellen abschaffen. Damit ist wieder Leadership gefragt.


Vom Freiraum zur Checkliste und zurück

Als ich vor über 30 Jahren als Prüfungsassistent mit Fokus auf EDV-Systeme und Prozesse in der Wirtschaftsprüfung eingestiegen bin, fühlte sich vieles frei und offen an. Große ERP-Systeme steckten noch in den Anfängen. Checklisten und Leitfäden gab es, aber Detailvorgaben oder gar eine Automatisierung gab es nicht. Entscheidend war deshalb, welche Richtung die Vorgesetzten für die Ausgestaltung der Arbeit vorgaben. Sie waren nicht zwingend Experten in den IT-Detailfragen. Aber sie gaben in dieser offenen Umgebung Orientierung und waren Vorbilder, weil sie Weisheit und Erfahrung mitbrachten, Richtung gaben und die Verantwortung für das Team trugen.

Danach wurde vieles enger und regulierter. Dem Pol Freiheit stellten immer detailliertere Vorgaben den Gegenpol Sicherheit an die Seite. Gefragt war nun eher gutes Management, das darauf achtete, dass Regeln eingehalten werden.

Heute erlebe ich ein Déjà-vu, nur auf einem vielfach komplexeren Niveau. Mitarbeitende bauen sich Berichte, Analysen und Forecasts mit KI-Werkzeugen selbst, die es vor wenigen Jahren noch nicht gab. Um eine Sonderlösung muss niemand mehr ringen, jeder baut sie sich selbst. Gleichzeitig schaffen Organisationen Leitungsstellen ab.

Braucht es in dieser Lage überhaupt noch Leader? Oder genügt ein guter Vorgesetzter, der Aufgaben verteilt und Ergebnisse abnimmt?

Meine Antwort nach 30 Jahren: Leader braucht es immer dann, wenn Neues entsteht und Regeln noch nicht tragen. Wo Standards tragen, genügt ein guter Vorgesetzter. Und gerade verlieren viele Standards ihre Tragkraft.

Managen oder Richtung geben

Ein guter Vorgesetzter sorgt dafür, dass das Vereinbarte geschieht. Er plant, verteilt, kontrolliert und hält Standards ein. Das ist wertvoll, und in geregelten Phasen kommt man damit weit. Die Jahre der Checklisten haben genau diese Fähigkeit belohnt, und viele Häuser hätten gern mehr davon.

Fehlt die Vorgabe, reicht das nicht. Dann wollen die Leute wissen, wohin es gehen soll und wer dafür geradesteht. So habe ich meine ersten Vorgesetzten erlebt. Sie mussten keine IT-Experten sein. Sie mussten sagen können, was gilt, und ihren Leuten den Rücken freihalten, wenn etwas schiefging.

 

„Meine ersten Vorgesetzten waren keine IT-Experten. Leader waren sie, weil sie Richtung gaben.“

Heute ist die Lage ähnlich, nur unübersichtlicher. Wer führt, kann die selbst gebauten Auswertungen seiner Leute längst nicht mehr alle nachvollziehen. Trotzdem muss jemand festlegen, was für alle gilt, und den Rest bewusst freigeben.

Reicht nicht die Macht der Position?

Anordnen, was gilt, stößt in offenen Phasen an Grenzen. Kein Vorgesetzter kann jede selbst gebaute Auswertung prüfen. Ob eine Richtung trägt, entscheidet sich daran, ob die Menschen sie mittragen, auch dort, wo niemand hinschaut. Mit Weisungen erreichen Sie, dass Aufgaben erledigt werden. Mitdenken, Sorgfalt ohne Kontrolle und Widerspruch zur rechten Zeit bekommen Sie nur, wenn man sie Ihnen gibt. Wie Leadership zugestanden wird, war Thema von Teil 1.

Was das für Sie bedeutet

Es braucht beides: Vorgesetzte, die zuverlässig umsetzen, und Leader, die Richtung geben. Welche Rolle gerade mehr zählt, hängt davon ab, wie weit Ihre Regeln noch tragen. Nach meiner Beobachtung wird es derzeit in vielen Bereichen wieder offener.

Fragen zur Selbstreflexion

  • Wo tragen in Ihrem Bereich die Regeln noch, und wo nicht mehr?
  • Wofür kommen Ihre Leute zu Ihnen: für eine Freigabe oder für eine Richtung?
  • Welche Festlegung schieben Sie auf, weil Sie den Widerspruch scheuen?

Im nächsten Teil geht es darum, was Leadership in Professional Services besonders macht, wo Partnerinnen und Partner zugleich Experten, Verkäufer und Mitunternehmer sind.

Wenn Sie klären möchten, wo Sie managen und wo Sie Richtung geben, vor dem nächsten Schritt oder danach: Link: Leadership-Manufaktur

 

Bernd Trautwein

Coach

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