Autor: Bernd Trautwein
KI-Transformation | Was gemeinsam bleibt
Zusammenfassung: Lange stockte die KI-Transformation, auch weil niemand entscheiden wollte, welche Sonderfälle ein Standard nicht mehr abdecken muss. Jetzt bauen Mitarbeitende ihre Sonderfälle selbst, mit Copilot und anderen KI-Werkzeugen. Der Stillstand löst sich, aber wieder ohne Entscheidung. Die Führungsfrage verschiebt sich: Was bleibt gemeinsamer Kern, und was darf jeder selbst bauen?
Was ich in Systemeinführungen gelernt habe
Ich habe in vielen Systemeinführungen erlebt, wie gute Vorhaben zerrieben wurden. Die Konzepte waren abgenommen, die Vereinfachungen besprochen. In der Testphase aber rückte die Vergangenheit in den Vordergrund. Historische Datenkonstellationen verlangten Sonderwege. Eine Analyse, die früher einmal Nachtschichten gekostet hatte, sollte jederzeit wieder abrufbar sein, denn sie könnte ja erneut gefordert werden. So schlugen Dynamik und Optimierungswille in zermürbende Einzeldiskussionen um. Geholfen haben klare Vorgaben der Leitungsebene, die den Projektkräften das Risiko abgenommen haben. Solche Vorgaben gab es allerdings meist bei großen Organisationsänderungen, selten bei einzelnen Prozessen.
Hinter den Sonderfällen stand selten Sturheit. Wer seine Spezialität verteidigt, verteidigt oft den Gradmesser für den eigenen Wert. Und wer als Vorgesetzter einen Sonderfall für erledigt erklärt, verantwortet den Fehler, wenn er doch eintritt. So blieb vieles liegen: Die Technik war da, die Entscheidung fehlte.
Jetzt baut jeder seinen Sonderfall selbst
Diesen Satz habe ich lange als Credo verwendet. Gerade wird er überholt. In vielen Unternehmen müssen Berichte, Analysen und Forecasts nicht mehr zwingend im Standardsystem entstehen. Mitarbeitende bauen sie mit Copilot in Excel oder anderen KI-Werkzeugen selbst. Der Sonderfall muss nicht mehr gegen den Standard verteidigt werden. Man baut ihn sich einfach.
Das ist ein Fortschritt: Es geht schneller, und Menschen lösen ihre Probleme selbst. Aber der Stillstand löst sich nicht durch eine Entscheidung, sondern durch Zerfall in viele Einzellösungen. Am Ende hat jeder seine eigene Wahrheit, und die Zahlen im Bericht an die Geschäftsführung stammen aus Modellen, die nur ihr Erbauer versteht.
„Früher fehlte die Entscheidung gegen den Sonderfall. Heute fehlt die Entscheidung für den gemeinsamen Rahmen.“
Freiheit beim Werkzeug, Klarheit beim Kern
Aus meiner Zeit in der Unternehmensberatung und Wirtschaftsprüfung kenne ich das Muster: Selbst gebaute Excel-Lösungen in den Fachbereichen waren schon immer ein Prüfungsthema. Die Boston Consulting Group warnt Finanzchefs nun, dass sie ohne Governance-Rahmen „Shadow Excel“ gegen „Shadow Code“ tauschen.[1] BCG empfiehlt, dass die führenden Systeme für Planung, Konsolidierung und Reporting das Fundament bleiben und die selbst gebauten Anwendungen darauf aufsetzen.
Die Führungsaufgabe dreht sich damit um. Es geht nicht mehr darum, Sonderfälle zu verhindern, sondern einen gemeinsamen Kern und Rahmen festzulegen. Dazu gehören Governance- und Compliance-Vorgaben, verbindliche Datenquellen, einheitliche Kennzahlen und klare Regeln, ab wann ein selbst gebautes Werkzeug geprüft und dokumentiert werden muss. Den Rest gibt man bewusst frei. Das verlangt einen anderen Mut: loszulassen und Lösungen zu dulden, die man selbst nicht im Detail versteht. Und es braucht jemanden, der Prozesse, Daten, Systeme und Sicherheit im Zusammenhang sieht. Ob es diese Rolle schon überall gibt?
Eines bleibt gleich: Auch das eigene Copilot-Modell kann zum Selbstbeweis werden. Der Sonderfall zieht nur um.
Fragen zur Selbstreflexion
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Haben Sie auch den Impuls, alte Standards und Systementscheidungen über Bord zu werfen und die neuen Möglichkeiten aktiv und zwanglos zu nutzen?
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Haben Sie dafür schon einen gemeinsamen Kern, und wer hat das entschieden?
- Wo halten Sie an Kontrolle fest, obwohl Sie loslassen könnten?
Die KI gibt jedem die Freiheit, seinen Sonderfall selbst zu bauen. Den gemeinsamen Rahmen dafür muss weiterhin ein Mensch entscheiden.
Wenn Sie klären möchten, welchen Rahmen Ihr Bereich braucht und was Sie dafür loslassen müssen: Business Coaching
Quellen
- Harris, M., Demyttenaere, M., Palmisani, E. et al. (2026). Vibe Coding Is Coming to Finance. CFOs Need Guardrails. Boston Consulting Group, 4. Juni 2026.
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